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Wirteverband Basel-Stadt

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20.11.2015

Schweiz als "Europe miniature"

Barbara Gisi über mangelnde Ressourcen und ausbleibende Gäste

Die Zukunft von Schweiz Tourismus ist für vier Jahre gesichert, diejenige des Schweizer Tourismus-Verbandes ist unsicher wie immer.

Die gelernte Juristin Barbara Gisi ist seit Mitte 2013 Direktorin des Schweizer Tourismus-Verbandes in Bern.

GastroJournal: Schweiz Tourismus hat gerade Geld bekommen, wie geht es dem STV?

Barbara Gisi: Der STV hat sich über längere Zeit stark eingesetzt, freut sich über den Erfolg, hat aber als Verband nichts davon.

Wie ist der STV aufgestellt?

Um seinen Aufgaben gerecht zu werden, müsste der STV mehr Ressourcen haben.

War das nicht immer so?

Was sich akzentuiert, ist der Mitgliederschwund. Im Übrigen war der STV sozusagen schon immer ein David, der für etliche Goliaths an vielen Fronten in den Kampf ziehen musste. Letztlich läuft das auf ein Supersekretariat hinaus, wohin man das auslagert, was man selber nicht machen kann oder will.

Ist die Anlage falsch?

Systemisch ist es in vieler Hinsicht schwierig. Um beim Bild zu bleiben, reicht die Steinschleuder Davids nie so weit wie die Geschosse der Goliaths. Und auch wenn wir munitioniert werden und zu unseren Ressourcen kommen, bleibt unsere Schlagkraft oft eingeschränkt – etwa durch Strukturdiskussionen, die nach Gusto der jeweiligen Akteure zurechtgebogen werden.

Nicht zuletzt stecken wir grundsätzlich im Dilemma, als Verein privatwirtschaftlich organisiert zu sein, aber quasi in staatlichen Strukturen zu arbeiten. Diese Zweigleisigkeit kann zu Stabilität und Kraft führen, wenn die Richtung klar ist und alle dahin wollen. Aber gerade im Tourismus ist solche Einigkeit selten, braucht Disziplin und Überwindung. Das Resultat ist darum oft wenig Stabilität und wenig Kraft.

Wie will der STV da seinen Job machen?

Mit Hartnäckigkeit, viel Optimismus und einer grossen Portion Geduld.

Woran arbeiten Sie zurzeit besonders?

Der Mitgliederschwund ist ein grosses Thema im Hintergrund, und er betrifft weniger die engagierten Akteure im Tourismus als die Schweiz als Tourismusland. Wenn in einem insgesamt prosperierenden Land tragende korporatistische Mitglieder wie etwa (finanzstarke) Kantone austreten und argumentieren, sie könnten sich die Mitgliedschaft beim STV nicht mehr leisten, dann ist das besorgniserregend.

Und zwar nicht nur, weil die Branche mehr zahlen muss, um das touristische Dach zu erhalten, und auch nicht nur wegen der eindimensionalen Sicht auf Finanzen, die für nichts mehr anderes Platz lässt. Besorgniserregend finde ich auch das mangelnde Verständnis für die Bedeutung von Tourismus in der Schweiz – und die mangelnde Solidarität.

Was können Sie tun?
Überzeugungsarbeit leisten, aufklären, informieren - und unsere Aufgaben so professionell wie möglich erfüllen.

Was ist neben dem Stoppen des Mitgliederschwunds akut?

Die Beherbergungsstatistik bleibt eine Baustelle. Fragwürdig ist hier grundsätzlich, wie leichtfertig sich der Bund dieser hoheitlichen Aufgabe entledigt hat, zumal er an andernorts ungeheure Datenmengen sammelt und auswertet. Im Tourismus aber müssen wir seit nunmehr 15 Jahren die Beherbergungsstatistik zu einem grossen Teil selber immer wieder organisieren und finanzieren.

Und bei der Beherbergungsstatistik für Ferienwohnungen, die es seit 2004 nicht mehr gibt, ist es noch schwieriger. Da müssen wir zufrieden sein, dass die provisorische Erhebung der "Pasta Light" bis Ende 2016 verlängert ist, und wir wären überglücklich, wenn die ordentliche Statistik ab 2017 publiziert werden könnte.

Gibt es auch Erfreuliches?

Beim Massnahmenpaket, auf das sich die Branche im Zuge des Frankenentscheids geeinigt hat, geht es vorwärts, zu nennen ist etwa der Kurzarbeitsanspruch für Branchenbetriebe. Beim Satz der Mehrwertsteuer für die Hotellerie bin ich zuversichtlich, dass wir zu einer definitiven Verankerung im Gesetz kommen.

Ebenfalls erfreulich ist die Standortförderung. Nicht nur ST wurde hier gestärkt, sondern auch Innotour, die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit SGH und die Neue Regionalpolitik NRP. Bei Letzterem liegt übrigens eine Schatztruhe mit Schlössern, die je nach Kanton verschieden sind, weil NRP regional ausgerichtet ist und die Kantone paritätisch gefordert sind.

Auf gutem Weg ist die Schneesportinitiative, die aber Angebote aus den Destinationen braucht. Gefordert sind hier die Touristiker mit guten Paketen, denn das sind langfristige Investitionen in ihre Zukunft. Erwähnen möchte ich nicht zuletzt die Institutionalisierung eines traditionsreichen und wichtigen Tätigkeitsgebietes. Die Berufsprüfung zum Reiseleiter mit eidgenössischem Fachausweis, die wir zusammen mit Berufsverbänden und dem Bund realisieren konnten, trägt zur hohen Qualität der touristischen Schweiz bei.

Apropos: Qualitätsprogramm, Nachhaltigkeit?

In Sachen Nachhaltigkeit haben wir aufgrund der Auswertung der Wirkung der Charta durch die Hochschule Luzern nun ein Nachfolgeprojekt, das den Fokus auf regionalen Austausch legt. Es kann auf kompetente und motivierte Leute setzen und findet bereits nach kurzer Zeit eine beachtliche Resonanz.

Beim Qualitätsprogramm wiederum ist die Herausforderung eher finanzieller Art. Wir sind inhaltlich gut unterwegs, müssen aber Mittel finden, um das Programm längerfristig so abzustützen, dass es für die Betriebe preiswert bleibt.

Was nützt alle Qualität, wenn die Gäste ausbleiben?

Qualität ist immer ein Schlüssel und unverzichtbar. Denn nur mit internationalem Massentourismus werden wir nicht bestehen können, und auch nicht nur mit Spitzenfrequenzen bei den Topzielen.

Sehen Sie Königswege?

Das Berner Oberland galt den Briten vor dem Aufkommen des Massentourismus als Spielwiese Europas. Vielleicht müssen wir uns jetzt bemühen, zur Spielwiese der Welt zu werden, zu einer Art "Europe Miniature". Und in diesem Mikrokosmos ziehen die Hotspots die Massen aus aller Welt zum ersten Mal an, doch beim zweiten Mal kommen sie als Individualgäste und entdecken die unglaublichen Schönheiten der Schweiz abseits touristischer Trampelpfade.

Kein einfacher Wandel!

Das Ausbleiben der europäischen Gäste und der Versuch, sie mit Gästen aus Fernmärkten zu kompensieren, fordern die Strukturen insgesamt heraus. Wir müssen dafür sorgen, dass nicht nur die Hotspots attraktiv sind, sondern auch unsere einmalige Vielfalt mit ihren hervorragenden Infrastrukturen und Angeboten in allen Tälern erhalten bleibt und den Gästen aus aller Welt bekannt gemacht wird. Überdies dürfen wir die Bevölkerung nicht vergessen, die gerade im Umfeld der Topziele zunehmend ein Unbehagen artikuliert, das es ernst zu nehmen gilt.

Sind Sie zuversichtlich, dass wir den Wandel bewältigen?

Wir müssen durch eine Übergangsphase, die teilweise hart ist. Aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen werden, wenn wir unsere Verantwortung übergeordnet wahrnehmen und gerade auch als
Touristiker gutschweizerisch hinhören, diskutieren, informieren, sensibilisieren und handeln.

Interview: Peter Grunder / GastroJournal


 

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