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Wirteverband Basel-Stadt

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05.11.2012

Was unsere Lieferanten gegen den "Schweiz-Zuschlag" tun

Harte Verhandlungen, Auslistungen und Parallelimporte

Die Einkaufsbedingungen der Schweizer Wirte sind im internationalen Vergleich schlecht. Während die hohen Agrarpreise ihre Ursache beim abgeschotteten Markt haben, sind oft auch Produkte, die nicht mit Schutzzöllen belegt sind, viel teurer als im benachbarten Ausland. Gegen den "Schweiz-Zuschlag" wehren sich führende Grossisten mit harten Verhandlungen, Auslistungen und einzelnen Parallelimporten. Gefordert ist auch die Politik, beispielsweise bei der Durchsetzung des Cassis-de-Dijon-Prinzips.

Frank Furrer ist stellvertretender Direktor der Transgourmet Schweiz AG und zuständig für den strategischen Einkauf der Abholmärkte Prodega und Growa. Er weiss, dass "wir fast ausnahmslos deutlich teurer einkaufen". Bis zu einem gewissen Grad sei das verständlich, da in der Schweiz beinahe alles teurer und vor allem auch die Löhne deutlicher höher seien. "Nur ist der Preisunterschied auch unter der Berücksichtigung dieser Tatsache leider zu oft nicht nachvollziehbar", findet Furrer.

Auch für Martin Angehrn von Cash+Carry Angehrn steht fest, dass es "teilweise" einen Schweiz-Zuschlag gibt, allerdings müssten jeweils alle Komponenten eingerechnet werden. Als Beispiele von überteuerten Waren nennt er Küchengerätschaften und Einzelfälle bei Spirituosen. Die meisten grossen Marken hätten aber bereits ein sogenanntes "Euro-Pricing" eingeführt.

Angehrn macht sich dennoch nichts vor: "Den Preiszuschlag gibt es wohl bei den meisten Markenartikeln, insbesondere bei Anbietern, bei denen ein Bezug über andere Kanäle, z.B. Parallelimport, schwierig bis unmöglich ist und die Produkte aufgrund der dominanten Marktstellung praktisch nicht austauschbar sind."

Must-in-stock-Produkte besonders betroffen

Der auf Bäckereien spezialisierte, auch im Gastgewerbe bekannte Liefergrosshändler Pistor stellt ebenfalls fest, dass teilweise eine Differenzierung besteht. "Es gibt Unternehmen, die geben Gewinne aus Wechselkursschwankungen gerecht und schnell weiter. Leider gibt es aber auch Firmen, die von der Situation zu profitieren versuchen und mit fragwürdigen Argumenten den Abschlag verhindern wollen", sagt Karin Helfenstein. "Wir setzen uns dafür ein, dass wir Preisabschläge erhalten und unseren Kunden weitergeben können", so die Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Pistor AG.

"Es gibt punktuell gewisse Artikel, welche in der Schweiz zu höheren Preisen angeboten werden", findet Roman Gerster, Leiter Marketing und Verkauf bei der Scana Lebensmittel AG, "tendenziell eher bei grossen internationalen Markenkonzernen, wo ein Bezug über andere Kanäle schwierig ist." Meistens verfügten diese Produkte über einen hohen Markenwert und seien praktisch nicht austauschbar.

"Bei identischen Produkten akzeptieren wir keine massiven Preisdifferenzen", sagt Gerster. Er rät vor allem mittleren und grossen Gastronomiekunden, durch "geschicktes Verhandeln mit Produzentenpartnern" auch im Vergleich mit dem Ausland interessante Netto-Einkaufskonditionen anzustreben.

Gerster weist darauf hin, dass es auch Produkte gibt, die in der Schweiz bei vergleichbaren Qualitäten günstiger angeboten werden, vor allem, wenn "keine länderspezifische Vorort-Marktbearbeitung" nötig oder nachgefragt sei.

Einen grossen Teil der Preisunterschiede erklärt Gerster sich mit der "Schweizer Grenzabschottung". Zollzuschläge würden beispielsweise Agrarprodukte verteuern. Zusätzlich würden in der Schweiz ähnliche Produkte oft mit anderen Rezepturen angeboten, z.B. wegen Gesetzesvorschriften oder ländertypischen Geschmackspräferenzen. "Dies führt wegen dem kleinen Markt und den sich daraus ergebenden kleineren Produktionsgrössen zu höheren Preisen", erklärt Gerster.

Grosshändler drohen mit Auslistungen und Parallelimporten

Doch was tun die Unternehmen konkret, um die teils enormen Differenzen zwischen den Einkaufspreisen in der Schweiz und im benachbarten Ausland zu verringern?

Laut Frank Furrer verhandelt Prodega die Konditionen sehr hart. Angekündigte Preiserhöhungen lehne man prinzipiell ab. "Wir machen auch Druck, indem wir vor Parallelimporten warnen", so Furrer. Leider sei es jedoch so, dass Prodega sehr oft nicht die ganze benötigte Menge sowie das entsprechende, von den Kunden gewünschte Vollsortiment in gewohnter Schweizer Qualität parallel importieren könne.

Zwei weitere Erklärungen, wieso Prodega nicht öfters parallel importiert, liefert Furrer nach: "Es gibt unterschiedliche Vorgaben bezüglich Deklaration, die zu Mehrarbeiten führen, welche auch in einen Einstandspreis eingerechnet werden müssen. Und dann gibt es ganz einfach Produzenten, bei denen unser Einfluss auf die Preispolitik beschränkt ist."

CCA setzt punktuell auf Parallelimporte. "In den meisten Fällen dienen diese dazu, Druck auf die einzelnen Anbieter auszuüben, um auch in der Schweiz marktkonforme Preise zu erhalten", sagt Martin Angehrn. Grosse Preisdifferenzen würden auch ganz konkret bei Lieferantengesprächen thematisiert. Um jedoch entscheidend Druck ausüben zu können, brauche es bedeutende Volumen wie dies z.B. bei Coop und Migros der Fall sei. "Bei Wechselkursveränderungen werden Europreisabschläge bei den Lieferanten eingefordert und anschliessend dem Kunden in Form von besseren Verkaufspreisen weitergegeben", sagt Angehrn.

Pistor setzt sich ebenfalls für faire Preise ein. "Wo vergleichbare Situationen bestehen, wird bei der Industrie eine strikte Forderung nach Gleichberechtigung gestellt und durchgesetzt", sagt Karin Helfenstein. Parallelimporte, beispielsweise bei Getränken, würden zum Teil umgesetzt. Leider bestünden trotz "Cassis de Dijon" noch Barrieren bei gesetzlichen Anforderungen wie z.B. den Spezifikationen.

Auch Scana verfolgt die Preissituation sehr genau und bespricht diese mit den Lieferanten. "Die Gespräche haben vielfach zu Preisabschlägen durch unsere Produzentenpartner geführt, welche wir laufend an unsere Kunden weitergegeben haben und weitergeben", so Roman Gerster.

Inland-Marktleistung der Produzenten berücksichtigen

"Unsere Erfahrungen zeigen, dass man mit Parallelimporten den Lieferanten 'Nadelstiche' versetzen kann", sagt Frank Furrer von Prodega, um gleich einzuschränken: "Ein Parallelimport-Picking, wie dies kleine, regionale Anbieter mit vereinzelten Leader-Produkten machen, ist als gesamtschweizerischer Anbieter nicht möglich, da man von uns eine Konstanz bezüglich Preis und Sortiment erwartet."

Furrer erwähnt, dass in den letzten Jahren gerade auch wegen Parallelimporten und Euro-Kurs die Preise bei vielen Produkten in der Schweiz gesenkt wurden, während es in unseren Nachbarländern Preiserhöhungen gab. "Wir wollen wenn immer möglich den Produktionsstandort Schweiz nicht aus den Augen verlieren, denn diesem verdanken wir unseren Wohlstand", so Furrer.

"Aus aktueller Sicht sind Parallelimporte und Auslistungsentscheide von grossen Anbietern wohl das beste Mittel, um faire Preise für den Schweizer Markt einzufordern", ist Martin Angehrn von CCA überzeugt. Langfristig brauche es aber wohl auch Druck der Wettbewerbsbehörden, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. "Ein reiner Parallelimport von Markenartikeln ist aus Händlersicht differenziert zu betrachten", meint Angehrn. Markenartikler investierten teilweise in einen umfangreichen Marketing-Mix und stellten Innovationen frühzeitig zur Verfügung.

"Leider sind in einigen Produktekategorien Parallelimporte nicht umsetzbar", bedauert Karin Helfenstein von Pistor. Doch Diskussionen mit Markenanbietern kämen durch Parallelimporte besser in Gang. Trotzdem müsse man die Inland-Marktleistung des Lieferanten berücksichtigen.

Scana prüft wo immer möglich die Option von Direkt- bzw. Parallelimporten. "In Einzelfällen wurden
auch schon solche getätigt, um Druck auf die Produzenten auszuüben", sagt Marketingleiter Roman Gerster. "Zu beachten ist, dass man bei Preisvergleichen von identischen Qualitäten ausgehen muss. Hier funktioniert der Parallelimport nur teilweise, weil die Mengen in der Schweiz generell eher klein sind."

Cassis-de-Dijon-Prinzip durchsetzen

Der Gesetzgeber und die Verwaltung könnten dazu beitragen, die Situation zu verbessern. "Es würde helfen, wenn das Cassis de Dijon-Prinzip ohne Mehraufwand angewendet werden könnte", findet Frank Furrer von Prodega. "Jeder Artikel – ausser Landwirtschaftsprodukte – welcher in einer unserer Landessprachen beschriftet ist und den europäischen Normen entspricht, sollte ohne Probleme eingeführt und in der Schweiz verkauft werden können", fordert Furrer

Ein Hebel liege bei den Deklarationsvorschriften im Grosshandel, meint Martin Angehrn von CCA: "Hier könnte sich die Schweiz noch mehr der EU annähern und entsprechende Handelshemmnisse abbauen." Er fordert, dass Wettbewerbsbehörden die in der Schweiz angebotenen Preise mit jenen im grenznahen Ausland vergleichen, um eklatante Preisdifferenzen öffentlich zu machen. "Das würde den Druck auf die Anbieter markant erhöhen", ist Angehrn überzeugt.

Roman Gerster von der Scana ist der Ansicht, dass "durch verstärkte Durchsetzung bestehender Gesetze auf der politischen Ebene durchaus noch Möglichkeiten bestehen, weitere Potenziale auszuschöpfen". Er denkt dabei in erster Linie an die konsequentere Umsetzung des "Cassis de Dijon"-Prinzips. "Wir unsererseits helfen mit, indem wir durch Auslistungsentscheide die Produzenten unter Druck setzen", so Gerster.

Einen weiteren Punkt bringt Karin Helfenstein von Pistor ins Spiel: "Die Lösung für unseren Bereich liegt im Agrarfreihandel mit den Nachbarländern. Sobald keine Zölle auf Lebensmittelprodukten mehr bestehen und die Abwicklung an der Landesgrenze schneller geht, würden sich die Preisdifferenzen innert weniger Monaten verkleinern." Helfenstein ist überzeugt, dass die KMU-Bäcker und Gastronomen profitieren würden.


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