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Wirteverband Basel-Stadt

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14.07.2014

Wolken wachsen in den Himmel

Der gastgewerbliche Alltag und die Geringschätzung des Gewöhnlichen

Ein verlockender Denkfehler beherrscht unsere Zeit: Wohlstand ohne Mühe. Opfer davon ist besonders das Gewerbe, obwohl es den Denkfehler just nicht macht.

"Übers Ganze gesehen ist der Tourismus fast eine Non-Profit-Branche", sagte Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, letzthin in einem Interview. "Es gibt keine Möglichkeiten, die Preise zu senken", führte er aus, "weder in der Hotellerie noch in der Gastronomie, und bei den Seilbahnen schon gar nicht."

Ernst nehmen darf man das nicht, auch wenn es stimmt: Denn nähme man es ernst, müsste man in Gastgewerbe und Tourismus insgesamt den Bettel hinschmeissen und eine andere Beschäftigung suchen. Aber eben: Eine andere Beschäftigung gibt es nicht, die meisten von uns haben gar keine Wahl.

Der schwere Mangel, auf den Schmid hinweist, sollte aber wenigstens Grund sein, innezuhalten und nachzudenken: Warum wir keine Wahl haben, warum in Gastgewerbe und Tourismus so wenig herausschaut, wo das alles hinführen soll. Casimir Platzer, neuer Präsident von GastroSuisse, hat nach seiner Wahl an der Delegiertenversammlung in Flims solche Fragen angesprochen. Sowohl in seiner Antrittsrede wie auch gegenüber den Medien machte er klar, welch grosse Bedeutung die Branche hat, wie geringgeschätzt sie wird und vor welch enormen Herausforderungen sie steht – und dass deutlicher darüber gesprochen werden muss.

Medien und Politik nehmen Gastgewerbe und Tourismus mittlerweile zwar nicht mehr ausschliesslich aus Konsumentensicht wahr, sondern auch wirtschafts- und sozialpolitisch. So vermeldete ein Nachrichtenmagazin des Deutschschweizer Fernsehens im Umfeld der GastroSuisse-Delegiertenversammlung, dass die Mehrzahl der Gastwirtschaftsbetriebe in der Schweiz rote Zahlen schreibe, und folgerte, höhere Anforderungen an Betriebsleitende könnten die Situation verbessern – übrigens eine Forderung, die Platzer in Flims ebenfalls formuliert hat. Aber in den paar Minuten eines TV-Berichtes lassen sich derart komplexe Angelegenheiten nicht à fond behandeln - und auch die Seite einer Fachzeitung reicht bei weitem nicht. Allerdings ist hier immerhin etwas mehr Raum und wohl auch etwas mehr Verständnisbereitschaft.

Wenn Jürg Schmid von einer Non-Profit-Branche spricht und das Fernsehen von defizitären Betrieben, liegt dahinter vorab ein wirtschaftlicher Umstand: die grosse Produktivität nämlich, die hochentwickelte Wirtschaftsstandorte wie die Schweiz verlangen – und die schlichte Erkenntnis, dass Tourismus und Gastgewerbe hierzulande nicht genug produktiv sein können, weil einfach immer viel Arbeit und Gerät notwendig ist, um die Gäste zufriedenzustellen.

Jenseits des Wirtschaftlichen ist aber noch mehr: Gastgewerbe und Tourismus leben von menschlichen Kontakten und menschlicher Handarbeit, sie sind der pulsierende Kern des Geschäftes. Und sie sind so unbezahlbar und unbezahlt wie die Familie, die nicht von ungefähr gänzlich aus den Sphären von Wirtschaft und Produktivität fällt. Das wiederum hält die Non-Profit-Branche in Gastgewerbe und Tourismus weitgehend am Leben, denn es sind meist Familienbetriebe, die sich da durchkämpfen.

Rechenschaft darüber legt freilich fast niemand ab. Vielleicht weil es so offensichtlich ist; vielleicht auch, weil es das ökonomistische Geplapper unserer Zeit so lächerlich erscheinen lässt, wie es ist. Wenig Rechenschaft legen Politik und Öffentlichkeit auch darüber ab, dass die menschlichen Kontakte, die Gastgewerbe und Tourismus bieten, gesellschaftlich zentral sind. Diese Branche schafft fast alle sozialen Kontakte ausserhalb des Familien- und Freundeskreises. Und ob das Lächeln der Servicemitarbeiterin oder die Auskunft des Chauffeurs: Auch diese Qualität ist so unbezahlbar wie unbezahlt – und die Branche hat in den letzten Jahren in neuer, skandalöser Weise darunter zu leiden begonnen.

Vorab das Gastgewerbe wird nämlich zunehmend zum Geschäftsfeld von sozialen Institutionen. Das ist nicht nur eine Pervertierung der ausdrücklichen politischen Absicht, Sozialfälle in die ordentliche Wirtschaft zu integrieren. Es ist auch ein wirtschafts- und sozialpolitischer Irrweg. Krass verdeutlichen dies Steuern und Abgaben, die das klassische Gastgewerbe bezahlt, um Sozialwerke zu finanzieren, die Gastgewerbe simulieren und konkurrieren und damit reich werden – manchmal möchte man den Bettel wirklich hinschmeissen.

Über solche Zusammenhänge laut nachzudenken, wagen sich in der Politik nur wenige unabhängige Denker: Die Ständeräte Hans Hess, Ivo Bischofberger oder Hans Altherr haben es in GastroJournal schon getan. In einer Demokratie, die ein Verteilungskampf ist, können aber daraus kaum Taten werden – die unsägliche Mehrwertsteuerdebatte im Bundeshaus hat es beispielhaft gezeigt.

Übel nehmen darf man das der Politik aber nicht. Denn die Non-Profit-Branchen Gastgewerbe und Tourismus stellen letztlich den gesellschaftspolitischen Entwurf der Nachkriegszeit infrage: Der öffentliche Tenor der letzten drei Generationen gaukelt den Menschen vor, Wohlstand sei ohne Mühe zu erreichen. Ausdruck davon sind Schauspieler und Popstars, aber auch ¬Banker, Broker und Beamte. Wer nichts werde, werde Wirt, lautet der dumme Schlager dazu - denn das Gegenteil ist ja der Fall, die Ökonomie zeigt es, und Jürg Schmid sagt es, wenn er von einer Non-Profit-Branche spricht.

Tiefenpsychologisch erschliesst sich das Dümmliche freilich ohne weiteres: Wir wissen natürlich, dass allgemeiner Wohlstand nur mit Mühe und Fleiss zu erreichen ist. Aber wir wollen es nicht wahrhaben, weil es zum einen Ausnahmemöglichkeiten gibt, und weil zum anderen der Wohlstand auf Kosten von jemandem geht – von verzweifelnden Gastronomen bis zu verhungernden Kindern; es ist wahr.

Die Wahrheit tut weh, aber sie hat reinigende Kraft: Die Non-Profit-Organisationen, von denen Jürg Schmid spricht, sind der Realität viel näher als die glitzernden Trugbilder. Und nach Lage der Dinge werden wir uns künftig bescheiden müssen. Da ist das Gastgewerbe Beispiel und Vorbild.

Das Gastgewerbe ist bis hin zum Putzen der Toiletten eine Branche des Gewöhnlichen und Alltäglichen. Das ist schon deshalb ehrenwert, weil es unabdingbar zum Leben gehört. Aber es ist auch ehrenwert und vorbildlich, weil in diesem Gewöhnlichen, das unsere Zeit so gering schätzt, die menschlichen, allzumenschlichen Relationen gewahrt bleiben – Friedrich Nietzsche hat am Beginn der waghalsigen Wohlstandsepoche tiefsinnig darüber geschrieben.

Das Gastgewerbe, dieser Spiegel des Lebens, ist aber auch deshalb ehrenwert, weil es im gewöhnlichen Rahmen oft genug Ungewöhnliches hervorbringt, ungewöhnlich Lebendiges und Lebenswertes: ein tolles Menü, ein Lächeln beim Service, ein paar freundliche Worte unter Fremden. Schliesslich ist das Gastgewerbe eine Karrierebranche, aber das ist hier etwas heikel zu sagen.

Peter Grunder / GastroJournal


 

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