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Wirteverband Basel-Stadt

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12.12.2014

Geringschätzung des Gewerbes

5 Jahre Finanzkrise, 40 Jahre Service compris und GAV

Politiker und Ökonomen haben sich verrannt und wissen nicht mehr ein noch aus. Bescheiden sei aufs Gewerbe verwiesen. Eine Streitschrift von Peter Grunder.

Ein beeindruckendes Papier trägt der beeindruckende Hochgeschwindigkeitszug ICE seit kurzem tagtäglich tief in die Schweiz hinein: "Zutaten und Allergene des aktuellen Speisenangebots", heisst die farbige Publikation. Auf vollen 20 Seiten werden "detaillierte Auskünfte" erteilt, hält die Deutsche Bahn eingangs darin fest, hinsichtlich sensibler Stoffe beschränke man sich "auf die in der EU kennzeichnungspflichtigen Allergene".

Aus gewerblicher Sicht ist das Papier ein Popanz: eine sinnentleerte Schreckgestalt. Für einen guten Koch in einem klassischen Kleinbetrieb sind solch papierne Beilagen nämlich weder machbar noch sinnvoll. Stattdessen können Küche und Service dem interessierten Gast detaillierte Auskünfte darüber erteilen, von welcher Alp der Käse kommt, aus welchem Stall das Fleisch und von welchem Feld das Gemüse.

In Tourismusbetrieben und Destinationen gebe es "zu kleine Strukturen", sagte unlängst Bundesrat Johann Schneider-Ammann einer kleinstrukturierten Regionalzeitung. Diese kleinen Strukturen erschwerten Synergieeffekte, führte der Volkswirtschaftsminister aus, auch erziele der eingesetzte Marketingfranken nicht optimale Wirkung.

Entsprechend dürften namentlich die Förderinstrumente Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) und Neue Regionalpolitik (NRP) ausgerichtet werden. Und nächsten Herbst, kurz vor den eidgenössischen Wahlen, werden wiederwahlwillige Politiker im Zug der vierjährlichen Standortförderung daraus ein riesengrosses Geschenkpaket schnüren. Grosse Strukturen dürfen dabei auch im Rahmen der "Wachstumsstrategie für den Schweizer Tourismus" viel Platz beanspruchen.

Grössenwahn

Aus gewerblicher Sicht ist das Grössenwahn. Eine Studie der Universitäten Bern und St. Gallen, an der auch der Bund beteiligt war, hat nämlich 2008 mit Blick auf die Kernbranche Hotellerie die überragende Bedeutung kleiner Strukturen in der kleinen Schweiz aufgezeigt: Die gut 4000 kleinen und mittleren Hotels hierzulande machen fast 90 Prozent aller Hotelbetriebe aus, sie verbuchen fast die Hälfte aller Hotelübernachtungen, schaffen eine direkte Wertschöpfung von beinahe zwei Milliarden Franken – und sind zu beinahe 80 Prozent marktfähig.

Gewerbliche Kleinbetriebe sind aber nicht nur marktfähig, sondern auch sogenannt "elastisch". Dieser harmlos daherkommende Begriff aus der Ökonomie bezeichnet sozusagen die Leidensfähigkeit: Weit mehr Menschen, Paare und Familien, als es der Schweizer Wirtschaft und Politik lieb sein kann, halten ihre Kleinbetriebe unter widrigsten Umständen aufrecht - sie haben gar keine Wahl. Laut Branchenspiegel von GastroSuisse schreiben rund zwei Drittel aller Hotels und Restaurants in der Schweiz rote Zahlen, wenn sie ordentlich kalkulieren.

Dass die grosse Politik das ausblendet, liegt auf der Hand: Wo kämen wir auch hin, müssten wir uns eingestehen und darauf reagieren, dass ein Grossteil der gastgewerblichen Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz sich unmöglich jene L-GAV-Löhne bezahlen kann, den Mitarbeitende erhalten und dessen 40-jähriges Bestehen wir heuer begehen?

In allen hochentwickelten Staaten diskutieren Ökonomen und Politiker spätestens seit der Finanzkrise 2008 vor allem drei grosse Phänomene: andauernd tiefe Zinsen, andauernd tiefe Inflation und andauernd mangelndes Wachstum. Die Diskussionen klingen zunehmend verzweifelt. So gibt es keine Einigkeit, sondern heftigen Streit darüber, warum es nicht zu Preissteigerungen und Wirtschaftswachstum kommt, obschon doch die Zinsen nie gekannte Tiefen erreicht und alle namhaften Nationalbanken die Geldmengen in nie gekanntem Mass erhöht haben.

Verzweifelte Diskussionen

Besonders verzweifelt sind die Diskussionen nicht nur wegen der Uneinigkeit und Ohnmacht der mächtigen Akteure. Vor allem beunruhigt das Ausbleiben von Wachstum und Inflation: Beide Phänomene sind von Krediten bis zu Renten nämlich eine Voraussetzung für ein funktionierendes Wirtschaftssystem – darüber herrscht übrigens erschreckende Einigkeit. Ohne Wachstum und ohne Inflation können also in modernen Volkswirtschaften auf Dauer weder Kredite bedient noch Pensionen bezahlt werden – das muss man sich mal geben.

Aus gewerblicher Sicht ist das einfach nur Unsinn: Seit Menschengedenken geht es hier nicht um Wachstum, sondern um Wertschöpfung, Produktivität und nachhaltige Rendite (siehe unten). Dabei ist ebenfalls seit Menschengedenken eine Rendite von drei Prozent samt entsprechendem Zinssatz erstrebenswert. Denn mit drei Prozent kann innert gut 30 Jahren, also einer Generation, die Substanz erneuert werden.

Es ist so banal wie ungeheuerlich: Zu sagen hat das Gewerbe weniger denn je, obwohl es historisch und ökonomisch wegweisend ist – von der sozialen Funktion ganz zu schweigen. Guter Rat ist zwar teuer, aber nicht unerschwinglich: auf die die berufliche Qualifikation pochen, die vielen KMU-Instrumente entschlossen anpacken und nicht zuletzt die Politik selbstbewusst in die Pflicht nehmen. Die Gelegenheit ist günstig, nächstes Jahr sind Wahlen.

Peter Grunder / GastroJournal


Von Werten und Geld

Grob gesagt kennzeichnet Drecksarbeit hohe Wertschöpfung und niedrige Produktivität: Wer Bäume aus dem Wald schlägt, daraus Balken sägt und Häuser zimmert, erzielt hohe Wertschöpfung. Auch wer Kartoffeln aus dem Boden holt, sie rüstet, raffelt und zu einer Rösti brät, schafft enorme Wertschöpfung. Die Produktivität bleibt dabei gering, weil viel Ware und viel Arbeit nötig ist, die in hochentwickelten Volkswirtschaften viel kostet. Keinerlei Produktivität resultiert schliesslich bei sogenannt reproduktiven Arbeiten: Wer ein WC putzt oder Menschen pflegt, ist ökonomisch nicht mehr produktiv – aber gewiss unverzichtbar.

Produktive Branchen zeichnen sich demgegenüber in der Regel durch saubere Arbeit und wenig Wertschöpfung aus. Einen Artikel zu schreiben, mag Informations- oder Unterhaltungswert schöpfen. Gegenüber einer existenziellen Rösti ist die Wertschöpfung des Artikels aber bescheiden. Die Produktivität jedoch ist hoch: Weder sind viele Rohstoffe, Geräte noch Prozesse notwendig, um die Arbeit zu tun. Völlig ohne Wertschöpfung kommen schliesslich bei höchster Produktivität Handel und Finanzgeschäfte aus. Hier sind mit einem Klick Milliarden herauszuholen. pg


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