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29.04.2016

Das Verursacherprinzip und der Wunsch nach Geborgenheit

Tomislav Babic über einen Scherz mit einem Körnchen Wahrheit

Am ersten April dieses Jahres ging kurzzeitig ein Aufschrei der Empörung durchs Land. Im Artikel "Bald gepfefferte Aufpreise für Restaurantgäste" malte NZZ-Redaktor Urs Bühler ein beinah' apokalyptisches Szenario namens "gastronomisches Verursacherprinzip" an die printmediale Öffentlichkeitswand.

So sollten Zürcher Restaurantgäste angeblich in Zukunft unter anderem für Toilettengänge, Stoffservietten, Tischbrot oder Salz und Pfeffer extra bezahlen oder sogenannte "No-Shows" – also Gäste die zwar reservieren aber nicht erscheinen – mit drakonischen Bussen von bis zu 500 Franken per Gesetzesverdikt abgestraft werden.

Dem geneigten Leser erschloss sich der schelmische Hintersinn des Artikels – wenn er sich ihm/ihr denn erschloss – erst im vorletzten Absatz, als sich der vermeintliche Wirt des Gasthofs "zum aufgebundenen Bären" zu Wort meldete und verkündete "nicht in Gastfreundschaft sterben" zu wollen.

Inmitten einer schier unendlichen Kaskade mehr oder weniger "abverheiter" Aprilscherze des hiesigen Blätterwaldes, war der NZZ-Schabernack einer der stärksten. Die Gründe für den Empörungserfolg des Artikels sind einfach: Einerseits gibt es unter den Gastronomen tatsächlich eine gewisse Tendenz, zu einer Erziehung des Gastes, die, so abgedroschen dies auch klingen mag, vor einigen Jahren noch nicht nötig war, da die Finessen, diese ungeschriebenen, kleinen Gesetze des "Gast-Gastgeber-Verhältnisses" fest in den Köpfen verankert waren. Sie waren Teil der elterlichen Erziehung; so wie gute Tischmanieren, Gesprächskultur oder Freundlichkeit gegenüber Fremden.

Andererseits übertrug der NZZ-Aprilscherz die omnipräsente, politische und gesellschaftliche Tendenz zur Überregulierung und die wirtschaftliche Entwicklung hin zum "Verursacherprinzip", schlicht, einfach und nachvollziehbar auf einen Dienstleistungssektor, der sich bis vor einigen Jahren nicht ausschliesslich als ebenjener verstand, sich aber mittlerweile teilweise dazu genötigt sieht, einen Weg einzuschlagen, für welchen Versicherungen, Billigfluglinien oder Schnellrestaurants auf dem ganzen Globus den Weg bereitet haben.

Erinnern wir uns: vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Tessiner Autofahrer deutlich mehr für dieselbe Versicherungsleistungen zu zahlen haben, als beispielsweise Thurgauer. Der Flug mit einer Billig-Airline ist zwar zunächst günstig, wehe aber, man besitzt die bodenlose Dreistigkeit mit Gepäck zu verreisen. Und zu guter Letzt: Wann haben Sie sich, liebe Leser, das letzte Mal darüber geärgert keine Extra-Ketchup-Portion bei Burger King umsonst bekommen zu haben... Nie? Eben!

Die Frage, die sich nun stellt ist folgende: Wieso beschränkt sich die Empörung über die vermeintlichen Pläne der Schweizer Gastronomie zur "verursachergerechten Kostenstruktur" lediglich auf die Zunft der Gastwirte, während beispielsweise das EasyJet-Geschäftsmodell bis heute als beinahe epochaler Fortschritt bejubelt wird?

Die Antwort auf ebenjene Frage ist so profan, wie befriedigend: Weil die Gastronomie keine einfache Dienstleistungsbranche ist! Sie stellt für viele Gäste ein zweites Wohnzimmer dar. Das Einkehren in einer Beiz ist mit einer grossen Portion Vertrauen und Sympathie, mit Emotionen, mit dem Wunsch nach Geborgenheit, eine Sehnsucht nach "Verstandenwerden" nach einem kurzen Ausbruch aus dem eigenen Alltag verbunden.

Und nicht genug: Auch der Wirt, der Kellner, genauso wie der Koch freuen sich über deren Stammgäste, über ein kleines Kompliment, ein wissendes, anerkennendes Nicken oder ein persönliches Gespräch mit seinem Gast, das er so nicht erwartet hätte... Über das gezeigte Foto des neugeborenen Kindes, über die Geschichte, wie ebendieser Gast seine Traumfrau in ebendieser Beiz kennengelernt hat oder über eine kleine Nachfrage des Gastes: "Und... wie lief's bei euch heute?"

Nein... Das Verursacherprinzip als kostenstruktureller Kompass für eine Branche, die sich eher als Gastgeber denn als Dienstleister sieht, ist beileibe nicht die betriebswirtschaftliche Orientierungshilfe, die sich Gastronomen herbeigesehnt hätten.

Es wäre höchstens als Ultima Ratio in einer sich schnell verändernden, sich selbst anonymisierenden, technologiedominierten Welt, die verlernt hat zu kommunizieren – zumindest ausserhalb des digitalen Stammtisches – denkbar.

Fazit: Die NZZ hat mit Ihrer Ente das sprichwörtliche "Körnchen Wahrheit" im Fell des aufgebundenen Bären ausgemacht. Gast und Gastgeber stehen nun gemeinsam in der Bringschuld, eine Entwicklung hin zur Entmenschlichung der Gastronomie zu verhindern.

Tomislav Babic
Präsident GastroSchaffhausen

Tomislav Babic ist Verwaltungsratspräsident der RTM Hotels & Restaurants AG, zu der unter anderem der legendäre "Falken" in Schaffhausen gehört.


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