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28.11.2014

Hotellerie in Österreich: Raus aus der Komfortzone

Interview mit ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer

Fachkräftemangel, steigende Kosten und Airbnb: die Hotellerie in Österreich kämpft mit ähnlichen Herausforderungen.

Michaela Reitterer führte nach der Matura an den "Tourismusschulen Modul" ihr Reisebüro Kuoni Hippesroither. 2002 kaufte sie ihren Eltern das Hotel "Zur Stadthalle" ab und wandelte es Schritt für Schritt zum "Boutiquehotel Stadthalle Wien" um, dem weltweit ersten Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz. Seit Januar 2013 teilt sie sich mit Gregor Hoch das ehrenamtliche Präsidium der Österreichischen Hoteliersvereinigung (ÖHV). Reitterer lebt in einer Lebensgemeinschaft und ist Mutter zweier Kinder.

GastroJournal: Mit welchen Herausforderungen kämpfen die Hoteliers in Österreich?

Michaela Reitterer: Die grösste Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Wir haben auf der einen Seite Jugendliche, die studieren wollen, und auf der anderen Seite solche, die gar nichts machen wollen. Mit den Fachhochschulabsolventen im Tourismus decken wir aber gerade einmal die Spitzenpositionen in der Branche ab. Hinzu kommt, dass es einfach nicht "schick" ist, in der Gastronomie oder Hotellerie eine Lehre zu machen. Aber wir sind uns dessen bewusst und ¬versuchen bereits gegenzusteuern mittels Weiterentwicklung des Fachhochschulstudiums sowie der Entwicklung von Lehrgängen.

Den Fachkräftemangel kennen wir auch in der Schweiz.

Hinzu kommen die Mitarbeiter- und Warenkosten, die sind bei uns auch exorbitant gestiegen. Genauso wie die Kosten für öffentliche Infrastruktur, Gebühren oder Unterhalt. Überall gibt es Preiserhöhungen. Nur die Hotellerie hat nicht das Selbstbewusstsein, die Preise anzuheben.

Dumping ist schon eher die Tendenz.

Richtig. Wir lassen uns dann noch zu so etwas hinreissen. Auf was hinaus, bitte? Ich habe in meinem eigenen Hotel die Auslastung dem Preis geopfert, und nicht umgekehrt. Denn während die Auslastung irgendwann wieder zunimmt, bekommt man den Preis nie mehr in die Höhe.

Neben den fehlenden Fachkräften und den Kosten ist derzeit die dritte grosse Herausforderung die Airbnb. Das ist vor allem hier in Wien ein riesiges Thema. Hier haben die Airbnb eine Dimension von etwa 50 Hotels in meiner Grösse (die Stadthalle hat 79 Zimmer) angenommen. Zimmer, für die keine gewerberechtlichen Vorschriften gelten, und die im Grunde genommen das Geld schwarz kassieren. Das ist eine stattliche Summe, die am Finanzministerium vorbeifliesst. Zudem fehlen diese Wohnungen auf dem Wohnungsmarkt und treiben die Mietpreise in die Höhe.

Was unternimmt die ÖHV dagegen?

Wir haben mit anderen Branchen zusammen eine Studie in Auftrag gegeben, welche das Thema "Pfusch" genau dokumentiert. Diese werden wir als Grundlage für die Ministergespräche nutzen. Denn nur über unsere Branche hinaus haben wir die Chance, in der Politik betreffend dieser Schwarzarbeitsproblematik ein Bewusstsein zu schaffen.

Wie steht es investitionsmässig um die österreichische Hotellerie?

Seit zwei Jahren merken wir schon ein zurückhaltenderes Agieren im Bereich Investitionen. Der Mut und die Bereitschaft fehlen, auch in schwierigen Zeiten zu investieren. Wenn dich die Kosten permanent überholen, dann wird es eben schwierig.

Das trotz Unterstützung der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT)?

Ja, denn das Thema ist nicht, dass die Bank sagt: Ich habe kein Geld, das ich euch borgen kann, sondern der Hotelier holt das Geld gar nicht ab, weil er sich im Moment nicht traut zu investieren.

In der Schweiz wird zurzeit der Spielraum der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) erweitert, nachdem die Idee einer Tourismusbank à la ÖHT begraben wurde, aus Angst vor Strukturerhaltung. Berechtigt?

Ja, und nein. Man muss dazu sagen, dass die ÖHT schon sehr genau überprüft, wer Geld bekommt und wer nicht. Sprich für irgendein 08/15-Konzept oder total veraltete Betriebe, da gibt es nichts mehr.

In der Schweiz existiert ein Trend hin zu ausländischen Investoren/Mäzenen. Gibt es das in Österreich auch?

Ja, den Peter Pühringer (Park Hotel Vitznau) haben wir beispielsweise auch. Ich finde ja, dass solche von Mäzenen unterstützte Häuser in Wirklichkeit niemandem wehtun – solange sie die Preise hochhalten, wenn nicht gar nach oben treiben. Womit ich Mühe habe, sind Investoren und Mäzene, die mittels Wohnungen und Apartments ihren ¬Betrieb querfinanzieren und gleichzeitig mit unmöglich tiefen Preisen den Markt ruinieren. Da habe ich lieber solche, die mit ordentlichem Geld Substanz schaffen, die etwas kann.

Sie kommen aus der Privathotellerie. Kennen den täglichen Kampf eines 3-Sterne-Betriebs. Wie können kleine und familiengeführte Hotelbetriebe künftig auf dem Markt bestehen?

Der einzelne kleine Hotelbetrieb braucht ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn vom Nachbarn unterscheidet, und kontinuierliche Investitionen. Was zudem wirklich wichtig ist, ist dieses "raus aus der Komfortzone". Nicht immer nur jammern, sondern anpacken. Die Zeiten sind endgültig vorbei, wo du gesagt hast: Die Gäste kommen ja eh, also wieso etwas machen. Und wenn der einzelne Hotelier dann etwas tut, dann muss er auch darüber reden.

Das tun aber viele in der Branche noch immer verhalten. Mich erstaunt immer wieder, wenn Hoteliers sagen: Tripadvisor, das kommentieren wir nicht.

Diese Art Hoteliers haben wir in Österreich auch. Das kann funktionieren, beispielsweise als Nische, wenn man sagt, ich lasse all diese sozialen Netzwerke aus. Aber die Mehrheit kann sich dem heute nicht mehr entziehen.

Wie steht es um den Mitgliederstand in der ÖHV? Schwankend oder stabil?

Wir hatten noch nie einen so hohen Mitgliederstand wie heute. Und: Er ist noch immer stark steigend.

Wo sehen Sie in der Schweizer Hotellerie noch Potenzial?

Ich weiss gar nicht, ob die Schweizer Hoteliers so dringend meine Ratschläge benötigen. Weil ich finde, dass sie einen unglaublich guten Job machen. Was ich schätze, ist diese Bereitschaft zur Innovation sowie die gesunde Fehlerkultur. Manchmal kommt mir vor, die Schweizer denken sich vorher mehr, bevor sie etwas tun. Und wenn sie etwas tun, dann pragmatischer und weniger emotional. Das bringt Effizienz, und hier haben wir noch viel Optimierungsbedarf.

Potenzial gäbe es sicher noch beim Humor, der Offenheit, aber die Schweizer haben halt nicht unseren Schmäh, da können sie machen, was sie wollen. Aber das braucht es auch nicht. Jedes Land muss sich als das positionieren, was es ist.

Ein Blick in die Zukunft?

Mir ist ganz wichtig, dass der Tourismus in Österreich den Stellenwert bekommt, den er auch verdient. Immerhin sind wir seit Jahren Jobmotor Nummer 1 sowie die zweitwichtigste Wirtschaftsfraktion in diesem Land. Das Problem ist, dass der Tourismus dadurch, dass er eigentlich ganz gut funktioniert, ignoriert wird, nach dem Motto: Die brauchen ja eh keine Unterstützung.

Dabei bräuchten wir diese gerade jetzt, denn die Konkurrenz war noch nie so stark. So hat die Steuersenkung auf Logis in Deutschland dazu geführt, dass die Hoteliers investiert haben, und die deutschen Gäste neu in Deutschland bleiben, anstelle nach Österreich zu reisen. Aber eben, ¬politisch haben wir kein Druckmittel in der Hand, da wir ja nicht wie Produktionsfirmen einfach in Billiglohnländer abwandern können.

Christine Bachmann / GastroJournal


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