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16.11.2023

Menükarte gegen den Fachkräftemangel

Betriebsklima ist wichtiger als der Lohn

Die Tourismusallianz Graubünden engagiert sich gemeinsam mit den Gewerkschaften und dem Kanton gegen den Fachkräftemangel. Erstmals zeigt nun eine Studie die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und Arbeitgebenden auf: ein Gesamtpaket mit mehr individuellem Spielraum.

Der Fach- und Arbeitskräftemangel ist ein sehr aktuelles Thema, das auch den Bündner Tourismus in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen wird. Eine Online-Befragung zu den Bedürfnissen von ca. 2000 Mitarbeitenden in den touristischen Leitbranchen Hotellerie, Gastronomie und Bergbahnen erfolgte durch das Institut für Tourismus und Freizeit (ITF) der Fachhochschule Graubünden.

Die Studie wurde im Auftrag des Amtes für Wirtschaft und Tourismus Graubünden in Zusammenarbeit mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden durchgeführt. Die Arbeitgeber wurden durch die Tourismusallianz Graubünden vertreten, das Kooperationsnetzwerk von GastroGraubünden, HotellerieSuisse Graubünden und Bergbahnen Graubünden. Die Arbeitnehmer waren mit dem Gewerkschaftsbund Graubünden, der Dachorganisation der Bündner Gewerkschaften, beteiligt.

Handlungsempfehlungen für drei Bereiche

Die Studie der FH Graubünden zeigt auf, dass die Arbeitnehmer erfreulicherweise mit den Arbeitsbedingungen im Bündner Tourismus grundsätzlich zufrieden sind. Sie bringt auch Erkenntnisse zu den wichtigsten Kriterien für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden und zeigt auf, wo sich der Bündner Tourismus als attraktiver Arbeitgeber noch verbessern kann.

Aus der Differenz zwischen Wichtigkeit und Zufriedenheit wurden gemäss Dr. Frieder Voll, Co-Projektleiter vom ITF der FH Graubünden, Handlungsempfehlungen für drei Bereiche abgeleitet. Dazu gehören mehr individuelle Arbeitsmodelle, die Förderung der innerbetrieblichen Zufriedenheit sowie verbesserte Rahmenbedingungen wie bezahlbarer Wohnraum und die Imagepflege für die Tourismusberufe. Basis für diese Handlungsempfehlungen war die Einschätzung der einzelnen Faktoren der Arbeitsbedingungen.

Die Mitarbeiter wurden nach der Wichtigkeit von 19 Faktoren und ihrer Zufriedenheit mit diesen gefragt. Bei der Wichtigkeit der Faktoren überrascht, dass der Lohn und die Arbeitszeiten erst an neunter und zehnter Stelle genannt werden. Wichtiger sind das Teamklima, das Verhalten von Vorgesetzten, die Wertschätzung, bezahlbarer Wohnraum, genügend Mitarbeitende sowie qualifizierte Kolleginnen und Kollegen.

Die Arbeitgebenden wurden im Rahmen der Studie unabhängig in Fokusgruppen zur Thematik interviewt. Die Handlungsempfehlungen der FH Graubünden bestätigen die Einschätzung der Arbeitgeber, dass es ein Gesamtpaket braucht. Gemäss der Fokusgruppen soll dieses Paket mehr individuelle Arbeitsmodelle wie Kooperationen und Ganzjahresverträge mit angemessenen Arbeitsbedingungen, die Förderung des Teamklimas sowie die Unterstützung der Rahmenbedingungen für die Verfügbarkeit von Wohnraum beinhalten.

Gemeinsam umsetzen

Anke Gähme, Leiterin Unia Ostschweiz-Graubünden, hielt fest, dass alle am Projekt beteiligten Organisationen die Studienergebnisse als sehr wertvoll erachten und daraus konkrete, gemeinsame Projekte entwickeln wollen. Die Unia stelle den Arbeitnehmenden neu in verschiedenen Sprachen die wichtigsten Antworten zu arbeitsrechtlichen Fragen online zur Verfügung.

Die Kleinstunternehmen ohne eigene Personalabteilung sollen durch Weiterbildungsmöglichkeiten der Arbeitgeber unterstützt werden. Die Sonntagsarbeit im Tourismus sei von der Branche her gegeben, müsse aber für beide Seiten handhabbar und weniger bürokratisch werden. Insgesamt unterstütze die Unia den lösungsorientierten Ansatz des Projektes, der sich im breit gefächerten Massnahmenkatalog manifestiere.

26 Massnahmen vorgesehen

Insgesamt wurden von den Beteiligten bereits 26 Massnahmen in den drei FHGR-Handlungsfeldern identifiziert. Acht davon befinden sich bereits in Planung bzw. Umsetzung. Gemäss Marc Tischhauser, Geschäftsführer GastroGraubünden, übernimmt die Tourismusallianz die Koordination dieser Massnahmen, freut sich aber auch, dass die Gewerkschaften ebenfalls Verantwortung für die Weiterentwicklung der Projekte tragen.

Zudem sind auch die Unternehmer sowie die öffentliche Hand gefordert. Der Vertreter der Tourismusallianz wies ebenfalls auf die Bedeutung des Gesamtpaketes hin, um die Attraktivität des Arbeitsmarktes im Tourismus weiter zu erhöhen. Es gehe um eine Kombination zwischen individuellen Arbeitsmodellen mit angemessenen Arbeitsbedingungen, wertschätzenden Team- und Führungsstrukturen, bezahlbarem Wohnraum sowie Imagepflege für die Tourismusberufe. Damit werde auch der Spielraum für individuelle Lösungsmöglichkeiten für die Unternehmen erhöht.

Individuelle Menükarte

Drei der 26 Massnahmen betreffen die Thematik der individuellen Arbeitsmodelle. Die Tourismusallianz möchte die Unternehmen motivieren, ihren Arbeitnehmenden ein vielfältiges Menü mit verschiedenen Modellen anzubieten. Wie bei einer Menükarte im Restaurant sind diese Menüs unterschiedlich – je nach Art des Betriebes und der Bedürfnisse der Mitarbeitenden.

Solche individuellen Arbeitsmodelle zeigen auch die Grenzen der Regulatorien. Sie seien dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen, erklärte Marc Tischhauser. Der Bereich der innerbetrieblichen Zufriedenheit besteht aus sieben Massnahmen, von welchen vier bereits in Umsetzung sind. Sie betreffen die Weiterbildung und die Stärkung der Attraktivität der Branche. Der Bereich der Rahmenbedingungen besteht aus 16 Massnahmen. Vier davon betreffen die Förderung der Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum.

Marc Tischhauser: «Hier muss es eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und den Unternehmen geben». Vier Massnahmen gehören zur Imageverbesserung der Branche, eine davon ist in Umsetzung.

Von den vier Massnahmen zur Nachwuchsförderung sind bereits drei in Umsetzung. Die restlichen vier Massnahmen betreffen überbetriebliche Kooperationen, die Rolle von Tourismusorganisationen, Entlastungen im bürokratischen Bereich mit Behörden sowie rechtliche Rahmenbedingungen.

All in one

Stellvertretend für die acht Massnahmen, welche bereits in Planung bzw. Umsetzung sind, stellte Marc Tischhauser die Projekte «All in One», «NextGen Tourism Board» sowie das Weiterbildungsangebot zu Führung, Team- und Organisationsentwicklung vor.

Das Projekt «All in One» verfolgt das Ziel, die Attraktivität der touristischen Arbeitsstellen in Graubünden zu erhöhen, um im Wettbewerb gegenüber anderen Alpendestinationen und Tourismusmusregionen einen Vorteil zu erringen.

Potenzielle Mitarbeitende sollen in Graubünden nicht nur «Jobs», sondern ein einzigartiges Bündel an Leistungen rund um Arbeiten, Freizeit und Wohnen erhalten. Zu den möglichen Leistungen können nebst dem Job auch eine hohe Convenience (z.B. ein «One-stop-Shop» für alle Belange rund um Wohnen, Freizeit und Arbeiten usw.), Unterstützung bei administrativen und behördlichen Fragen sowie attraktive Benefits und Goodies gehören.

Die genauen Bestandteile des «Jobbündels» werden in der Phase 1 des Projekts erarbeitet. Diese Phase wird durch den Kanton Graubünden finanziell unterstützt und ist bis im Sommer 2024 abgeschlossen.

Next Generation

Mit dem NextGen Tourism Board hat die Tourismusallianz Graubünden ein Netzwerk aus engagierten, initiativen und kreativen Berufsleuten aus der Hotellerie, Gastronomie und den Bergbahnen gebildet.

Junge Menschen im Alter bis 35 Jahren gestalten ihre eigene Zukunft im Tourismus aktiv mit. Die Webserie «gastrostory.ch» zeigt auf frische Weise auf, welche Berufschancen es für junge Talente in der Hotellerie und Gastronomie gibt. Wieviel Leidenschaft braucht es, um später mal ins Top-Management aufzusteigen oder ein eigenes Restaurant oder Hotel zu führen?

In Bezug auf die Softfaktoren wie Teamklima, Unternehmenskultur, Verhalten von Vorgesetzten, Wertschätzung etc. spielt Führung und Leadership eine entscheidende Rolle. Hierzu bieten die Branchenverbände bereits ein breites Angebot an Kursen und Coachings, das laufend weiterentwickelt wird und mit dem sich Gastgeber sowie Führungsverantwortliche entsprechend weiterentwickeln können.


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