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Wirteverband Basel-Stadt

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01.12.2016

Aufbruchstimmung in der Steinen

Ausgehmeile meldet sich kraftvoll zurück

In den letzten Jahrzehnten erlebte die Steinenvorstadt ein Auf und Ab. Heute sind die Frequenzen an der legendären Kino- und Beizenstrasse nicht mehr so hoch wie um die Jahrtausendwende, doch es geht wieder aufwärts. Zu verdanken ist das in erster Linie Unternehmern, die kräftig investieren und ihre Betriebe mit Herzblut führen.

Im 19. Jahrhundert eröffneten im Steinenquartier zahlreiche Bierhallen, Weinstuben und einige Hotels. Die Entwicklung zu einem Vergnügungsviertel modernen Zuschnitts begann 1912, als Karl Küchlin sein Varieté-Theater eröffnete, auf dessen Bühne später Weltstars wie Josephine Baker oder Maurice Chevalier standen.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine typische Clusterbildung ein: Es entstanden mehrere Kinos, darunter 1929 mit dem Capitol das erste Tonfilmtheater der Stadt (das erste Kino in Basel überhaupt eröffnete 1907 an der Freien Strasse). Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Spielsalons, Cafés, Bars, Dancings und Diskotheken. Nichtsdestotrotz war die "Steinen" stets auch eine beliebte Einkaufsstrasse.

Angebotsmix hat sich verändert

"Die Steinenvorstadt hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt und einen spannenden Mix erhalten, sowie stetig neue und interessante Konzepte", sagt Mathias Böhm, Geschäftsführer der Pro Innerstadt Basel. Er hält die Strasse für einen "Top-Standort in ihrem Segment".

Markus Thommen von der Vorest AG ist ebenfalls von den Qualitäten der Strasse überzeugt: "Die Steinen war, ist und bleibt für die Gastronomie ein ausgezeichneter Standort", so Thommen, der schon seit über dreissig Jahren an Betrieben im Quartier beteiligt ist – früher an Spielsalons, Diskotheken und Restaurants, heute noch an der Brasserie Küchlin und am Bistro Wulggegratzer.

Antonio Annecchiarico ist Franchisenehmer der Desperado Swiss AG, deren System insgesamt neun Tex-Mex-Lokale in verschiedenen Schweizer Städten umfasst. Er sagt: "Wir haben unseren Standort bewusst in der Steinen ausgesucht, denn hier ist die Ausgehmeile von Basel."

Ist die Steinen wirklich ein erstklassiger Standort? "Ja, bestimmt", findet Camille Derron, Geschäftsleitungsmitglied der Gastrag AG, die in der Steinenvorstadt drei Betriebe führt. "Es kommt aber drauf an, für wen und was", schränkt er ein. "Eine gute Mischung ist das Rezept, jetzt stehen Bars in Reih und Glied. Früher traf man sich in der Steinen zum Einkaufen und blieb dann dort", sagt Derron. Den Hauptgrund, wieso diese Nutzung stark zurückgegangen ist, sieht er im Eurokurs.

Der Angebotsmix hat sich stark verändert. Kleiderläden und andere Einzelhändler wurden zurückgedrängt, während die Zahl der gastgewerblichen Betriebe in den letzten zwanzig Jahren förmlich explodierte. Nicht alle Konzepte können sich allerdings halten. So schafften es beispielsweise Pizza Hut, Sam's Pizza und Spiga nicht, sich dauerhaft zu etablieren.

Auch Markus Thommen von der Vorest AG sieht die Entwicklung nicht unkritisch. Zwar findet er es positiv, dass die Steinenvorstadt "eine richtige Ausgehmeile" geworden ist, doch sei der Mix zwischen Gastronomie und Detailhandel verloren gegangen und die Strasse mittlerweile zu klein und eng, um im Sommer all die Leute aufzunehmen. Thommen beobachtet, dass die Steinen tagsüber an Zuspruch verliert: "Unter der Woche haben viele Gastbetriebe Mühe, und alles konzentriert sich auf das Wochenende."

Mathias Böhm von der Pro Innerstadt sieht es so: "Die Steinen hat ihren Weg gefunden und ist aktuell, ideal und gut positioniert." Tatsächlich haben nur wenige andere Strassenzüge in Basel ein so klares Profil. Eines, das nicht allen, aber doch sehr vielen Leuten gefällt. "Die Strasse lässt gewisse Konzepte in der jetzigen Positionierung nicht zu", sagt denn auch Böhm.

Bis Mitte der 1990er Jahre fuhren Autos durch die Steinenvorstadt. Die Strasse war bei jungen Männern beliebt, weil sie dort einem grösseren Publikum ihre "Schlitten" und Stereoanlagen vorführen konnten. Der Grund, weshalb der Wechsel zur Fussgängerzone kaum Schwierigkeiten bereitete, liegt bei den beiden grossen Parkhäusern in unmittelbarer Nähe. Diese sind ein klarer Standortvorteil. Auch die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr ist hervorragend, können Besucher doch an der Heuwaage, beim Theater oder am Barfüsserplatz aussteigen.

"Bevor die Steinen zur Fussgängerzone wurde, gab es am meisten Rummel und eine gute Mischung aus verschiedenen Branchen", findet Camille Derron, der schon seit den 1980er Jahren im Quartier tätig ist. "Jedoch war das auch die Zeit von gewalttätigen Jugendgangs", so Derron. Die Fussgängerzone habe die Qualität verbessert und sei wegen der Boulevard-Möglichkeiten für die Gastronomie interessant.

Momentan geht die Entwicklung der Steinenvorstadt klar Richtung Ausgehmeile, vor allem im oberen Teil zwischen Heuwaage und Stänzlergasse. " Ich glaube dieser Trend wird sich weiter akzentuieren", glaubt Antonio Annecchiarico vom Desperado. "Die Steinen erlebt aktuell spannende Anpassungen – neue Gastrokonzepte, coole Trendlokale und zeitgemässe Shops", findet Matthias Böhm.

Kann die Steinen wachsen?

Viele Betreiber glauben an die Zukunft des Standorts. Sie investieren zum Teil beträchtliche Summen. Das ehemalige Pomodoro wurde vor vier Jahren aufwendig in ein Restaurant der Pizzeria-Kette "Molino" umgebaut. Der Union Diner und eine zweistöckige Tibits-Filiale haben sich an der Stänzlergasse installiert. Auch Burger King und Starbucks setzen auf die Steinen.

Die bereits 1998 eröffnete All Bar One, die bekannt für gute Weine und hausgemachtes Bier ist, gab sich letzten Sommer ein neues Kleid. Vor einem Jahr eröffnete die Swissbar Group, die verschiedene Lokale in Bern und Biel betreibt, an der Steinenvorstadt das Restaurant El Mexicano mit der Cuba-Bar. Und der alteingesessene Club 59 hat eine Bar zur Steinenvorstadt hin eröffnet.

Zu den aufsehenerregendsten Eröffnungen der letzten Zeit gehört das Tex-Mex-Lokal Desperado, welches es inklusive Terrasse auf fast 300 Plätze bringt. Und gleich gegenüber, am Standort des ehemaligen Spielsalons Domino, hat mit dem Soho eine spektakuläre Bar mit Eventraum und Club im Untergeschoss eröffnet. Die Gastrag setzt ebenfalls auf ein neues Konzept und ging mit dem Fast-Casual-Restaurant "Kuuhl – Elsas Alpenküche" an den Start.

Es macht sich eine Aufbruchstimmung breit, die zu Gedanken führt, wie die angrenzenden Strassenzüge besser ins Produkt "Steinenvorstadt" integriert werden könnten. Das Angebot an der Steinentorstrasse passt nicht so richtig. "Stören tut es zwar nicht", wie sich Antonio Annecchiarico ausdrückt, "aber die Steinenvorstadt ergänzen leider auch nicht." Er fände es interessant, wenn das Steinenbachgässlein und der Birsig-Parkplatz bewusst als Flaniermeile oder Kaffeestrasse entwickelt würden.

Erste Ansätze sind da, wie unter anderem die Pizzeria Artigiano, das Negishi und das O'Neills beim Birsig-Parkplatz sowie der Balz-Club, die Baltazar Bar und das Kelim am Steinenbachgässlein zeigen. Und auch an der Steinentorstrasse gibt es erfolgreiche Konzepte, z.B. Paddy Reilly's Irish Pub, Yoko Sushi oder den Besenstiel – vom Barfüsserplatz, der an die Steinenvorstadt angrenzt, ganz zu schweigen. Die Heuwaage hingegen ist trotz etablierten Lokalen wie dem Birseckerhof oder der Osteria Little Italy etwas gesichtslos, doch wird sich das mit der Eröffnung des Ozeaniums im Jahr 2023 ändern.

Der Gedanke, das Ausgehviertel sinnvoll zu erweitern, treibt auch Arton Krasniqi vom Soho um: "Das Steinenbachgässlein hat viel Potenzial und Luft nach oben. Dieses sollte man dringend aufwerten mit tollen Betrieben oder Kleiderläden, am besten noch mit Boulevardfläche zum Verweilen", schlägt er vor. Wenig begeistert ist Krasniqi vom Angebot rund um die Heuwaage. Die dortigen Strip-Lokale und das ganze stille Gewerbe würde er am liebsten ersetzen mit "tollen Restaurants und Bars, mit Betrieben im Beauty-Bereich oder mit einem Mix davon".

"Die Seitenstrassen haben sich in den letzten Jahren durch tolle, neue Konzepte wie das Tibits gut entwickelt. Ich sehe hier jedoch noch Potential und Wachstumsmöglichkeiten", sagt Mathias Böhm von der Pro Innerstadt.

Hohe Mieten

Will die Steinen zum Ausgehviertel mit überregionaler Anziehungskraft werden, braucht es weitere Schritte nach vorn. Dazu gehören Angebote, die momentan etwas zu kurz kommen. "In der Steinen einen Club zu eröffnen ist entweder ganz unmöglich oder aufgrund der Lärmschutzvorschriften unglaublich teuer", bedauert Annecchiarico.

"Ein gutbürgerliches Restaurant würde der Steinen sicher noch guttun", findet Markus Thommen. Auch für Arton Krasniqi ist die Mischung noch nicht ganz perfekt: "Es fehlt ein Ort, wo man gutes Essen bekommt – kein Fastfood, aber auch kein teures Restaurant."

Die Stärken der Basler Ausgehmeile sind offensichtlich, doch gibt es auch Schwächen. Camille Derron bedauert, dass es die IG Steinen und die Weihnachtsbeleuchtung nicht mehr gibt. Zudem sieht er bei den uneinheitlichen Öffnungszeiten und der "oft lieblosen Gestaltung" vieler Geschäfte Defizite.

Viel zu reden geben die hohen Mieten. "Die Hausbesitzer wollen sich hier eine goldene Nase verdienen und haben keine Ahnung, mit welchen Kosten ein Gastronomiebetrieb rechnen muss. Sie sehen nur den Freitag und Samstag und wollen kräftig abkassieren", findet Markus Thommen.

Auch der Detailhandel könne die Mieten offenbar nicht mehr bezahlen. Das erkläre, weshalb "diese wertvollen und wichtigen Geschäfte nach und nach verschwinden". Es sei keine Lösung, dann einfach noch einen Gastronomiebetrieb zu eröffnen, denn irgendwann laufe das Fass über. Thommen warnt: "Der Kuchen wird nicht grösser, die einzelnen Stücke werden kleiner. Es war noch nie so schwierig wie 2016, die Umsätze zu halten."

Arton Krasniqi findet, die Mieten sollten zwischen 15 und 20 Prozent niedriger sein. Ein Unternehmer, der nicht genannt sein möchte, sagt, die hohen Mieten würden einen anständigen Cash Flow verunmöglichen. Camille Derron sieht die Mietzinse der Liegenschaften ebenfalls als Gefahr. Daneben machen ihm auch Vorschriften der Behörden, insbesondere der Stadtbildkommission, zu schaffen.

Zwar hält auch Antonio Annecchiarico die Mieten im Vergleich zu den Frequenzen für sehr hoch. Sie seien aber dennoch erschwinglicher als in ähnlich zentralen Lagen in Zürich. Auch Mathias Böhm von der Pro Innerstadt gibt teilweise Entwarnung: "Grundsätzlich hat die Steinen, nach meinen Informationen, einen sicher nicht tiefen, aber normalen, zeitgemässen Mietpreis-Mix."

Fazit: Die Steinen holt Marktanteile zurück. Noch offen ist, ob sie ihre Anziehungskraft so stark steigern kann, dass die Kapazitätsausweitung kompensiert wird. Fragezeichen gibt es vor allem, was die Frequenzen tagsüber und unter der Woche angeht. Es bleibt zu hoffen, dass die Vermieter Mass halten und dem Ladenmix wieder mehr Beachtung schenken. Entwickelt sich das Grossbasler Ausgehviertel weiter, werden die Veränderungen auch der übrigen Innenstadt wichtige Impulse geben.


 

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