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16.11.2015

"Gewaltige Herausforderungen"

Ein Blick über die Grenze mit Dehoga-Präsident Ernst Fischer

Bürokratie, Online-Portale; das deutsche Gastgewerbe hat mit ähnlichen Herausforderungen wie die Schweiz zu kämpfen.

Ernst Fischer ist gelernter Koch, hat die Hotelfachschule Bad Reichhall absolviert und ist seit 1976 Inhaber und Gastgeber des Landhotel Hirsch Bebenhausen. Bereits seit 1971 engagiert sich Fischer für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), seit 2001 als Präsident des Dehoga Bundesverbandes.

GastroJournal: In der Schweiz steht 2016 die Revision des Lebensmittelgesetzes an und somit eine Angleichung an die nationale Verordnung zur Allergenkennzeichnung in den EU-Ländern. Befürchtet wird eine weitere Zunahme des administrativen Aufwands für das Gastgewerbe. Inwiefern haben sich diese Befürchtungen bei Ihnen in Deutschland seit der Einführung bewahrheitet?

Ernst Fischer: Unsere Befürchtungen haben sich zu 100 Prozent bewahrheitet. Für besonders grossen Bürokratiefrust sorgt neben der Arbeitszeitdokumentation vor allem die Allergenkennzeichnungspflicht. Ersten Erfahrungen zufolge stehen Aufwand und Ertrag in krassem Missverhältnis: Während die Unternehmer wöchentlich zum Teil mehrere Stunden durch die Kennzeichnung gebunden sind, geben zwei Drittel unserer Unternehmer an, dass seitdem kein einziger Gast die Allergeninformation in Anspruch genommen hat. Hier schafft die Politik für unsere Betriebe also bürokratische Not ohne wirkliche Notwendigkeit.

Wir setzen uns deshalb weiterhin nachdrücklich für die in der Praxis bewährte bedingungslose mündliche Information der Gäste ein. Mit ihr lässt sich nachweislich seit Jahrzehnten ein hohes Verbraucherschutzniveau erreichen. Demgegenüber bedeutet die zwingende Verschriftlichung sämtlicher Informationen eine unverhältnismässige Überregulierung zu Lasten unserer Branche – und zu Lasten frischer, regionaler und saisonaler Küche.

Inwiefern haben aus Ihrer Sicht Bürokratie und Regulierungen im gastgewerblichen Alltag zugenommen?

Überregulierung und ein Generalverdacht gegen unsere Betriebe haben extrem zugenommen. Das Übermass an Verrechtlichung schränkt nicht nur die unternehmerische Freiheit ein, sondern bedroht Gastronomen und Hoteliers in ihrer wirtschaftlichen Existenz. Die Politik muss wissen: Bürokratie und Reglementierung sind nicht der Stoff, aus dem Wachstum und Beschäftigung entstehen. Im Gegenteil, ich kenne Familienbetriebe, die aufgeben. Denn die Unternehmerlust ist schlichtweg dem Bürokratiefrust gewichen.

In der Schweiz sieht es ähnlich aus, und die Herausforderungen werden nicht weniger. Wo sehen Sie neben der Bürokratie die grössten Herausforderungen für das deutsche Gastgewerbe?

Die veränderten Konsumgewohnheiten stellen unsere Unternehmer vor gewaltige Herausforderungen. Hinzu kommt die wachsende und ernst zu nehmende Konkurrenz durch das sich rasant entwickelnde gastronomische Sortiment der Tankstellen, Bäckereien, Metzgereien sowie des Lebensmitteleinzelhandels. Dabei profitieren diese Betriebe vom ermässigten Steuersatz, der unseren Unternehmern immer noch versagt ist. Gegen diesen unfairen Wettbewerb macht der Dehoga bereits seit Jahren mobil und bekräftigt seine Forderung nach einer steuerlichen Gleichbehandlung aller Speisen – unabhängig vom Ort des Verzehrs und der Art der Zubereitung. Meine Schweizer Kollegen wissen, wovon ich spreche. Ja, und ganz oben auf der Agenda steht auch die Sicherstellung des Fach- und Arbeitskräftebedarfes. Eine wahre Mammutaufgabe.

Mit dem Fach- und Arbeitskräftemangel haben wir gemeinsam zu kämpfen. Berufsbildung quo vadis?

Wir selbst halten den Schlüssel in der Hand, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen. Als "Branche der Chance" steht das Gastgewerbe allen jungen Menschen offen, auch ohne Abitur und abseits der grossen Ballungszentren, und bietet hervorragende Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Viele Jugendliche suchen nach einem Schreibtischjob oder "etwas mit Medien", ihnen müssen wir die Attraktivität von Hotellerie und Gastronomie vor Augen führen.

Der Dehoga unterstützt zudem seine Mitgliedsbetriebe mit diversen Produkten und Initiativen dabei, weiter in Ausbildungsqualität und Mitarbeitermotivation zu investieren. Die Bereitschaft der Branche muss darüber ¬hinaus von der Politik gefördert werden. Dazu gehört, die Ausbildungsfähigkeit der jungen Schulabgänger weiter zu erhöhen, die Berufsorientierung in den Schulen zu fördern, Alternativen zum Studium zu kommunizieren sowie die Zuwanderung an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes auszurichten. Dazu gehört auch, Freiräume für Unternehmertum zu schaffen. Letztlich bilden die Betriebe nur aus, wenn sie optimistisch in die Zukunft blicken.

Die Online-Buchungsportale beschäftigen ebenfalls grenzüberschreitend. Sind Sie zuversichtlich, dass die Ratenparität dereinst ganz fallen wird?

Bin ich, und in unserer Rechtsauffassung werden wir vom deutschen Bundeskartellamt und vom zuständigen Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigt. Auch wenn die Wettbewerbsbehörden in anderen europäischen Ländern das teilweise weniger konsequent sehen, so stellen sich die Buchungsportale zunehmend selbst auf die Ära nach der Ratenparität ein. So unterlaufen sie beispielsweise mit Partnerprogrammen selbst die von ihnen verlangte Parität oder erschweren die direkte Kommunikation von Gast und Hotelier.

Das heisst aber auch, dass der Wegfall der Ratenparität allein noch keine Garantie für faire und transparente Praktiken im Online-Vertrieb ist. Denn auch weiterhin steht der klein strukturierte Hotelmarkt der Dominanz von nur zwei, drei Buchungsportalen gegenüber. Zusammen mit unserer europäischen Dachorganisation Hotrec bleiben Dehoga und IHA hier weiter für die Branche im Einsatz.

Nationalrätin Silva Semadeni hat ein Postulat für ein kommissionsfreies Buchungsportal für Schweizer Tourismusprodukte eingereicht. Wäre ein solches Portal auch etwas für Deutschland?

Grundsätzlich kann man alle Aktivitäten und Bestrebungen begrüssen, welche die Hotels bei ihrem Vertrieb von Hotelzimmern unterstützen und weniger Kosten bedeuten. Aber angesichts der herrschenden Marktverhältnisse, der immensen Marketingaufwendungen der grossen Buchungsportale bedarf es einer enormen Anstrengung, hier kraftvoll durchzustarten. Für Deutschland sehen Dehoga und IHA keine reelle Umsetzungschance (mehr) für ein erfolgreiches eigenes Buchungsportal.

Auch die Sharing Economy (Airbnb & Co.) hält auf Trab. Was sind hier die nächsten Schritte seitens Ihres Verbandes betreffend dieser Thematik?

Dehoga und IHA sind hier seit Jahren an vorderster Front aktiv und leisten auf allen Ebenen – lokal, national, europäisch – politische Lobby- und Überzeugungsarbeit. Wir haben dabei eine klare Position: Es kann nicht angehen, dass Hotels mit immer kostenintensiveren Auflagen etwa zu Brandschutz, Hygiene oder Sicherheit überzogen werden, sich in deren Schatten aber ein davon fast ¬völlig unbehelligter Markt der Privatvermietung zum Konkurrenten aufschwingen kann.

Hier wird der Leistungswettbewerb nicht gefördert, sondern auf Kosten der Verbraucher, Anwohner und Steuerzahler verzerrt. Es darf nicht sein, dass die Politik auf der einen Seite rechtsfreie Räume toleriert, auf der anderen Seite jedoch unsere mittelständischen Betriebe, die Arbeitsplätze schaffen, immer weiter reguliert. Wir erwarten von der Politik, diesen Wertungswiderspruch schleunigst zu beheben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Als jahrhundertealtes Kulturgut steht unsere Branche für Lebensfreude und -qualität. Dörfer ohne Wirtshäuser sind arm dran. Unsere Betriebe sind ein starker Jobmotor und wichtig für die Wirtschaftskraft. Und dennoch lassen die Anerkennung und die Wertschätzung unserer Branche, auch durch die Politik, häufig zu wünschen übrig. Für die Zukunft wünschen wir uns deshalb, dass die Sorgen und Nöte der vielen gastgewerblichen Unternehmer ernst genommen und ihre Forderungen erhört werden. Hoteliers und Gastronomen verdienen Freiräume und Anerkennung statt Gängelung und Respektlosigkeit.

Interview: Christine Bachmann / GastroJournal


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