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14.06.2026
Schnelle Fäuste, grosse Wirkung
Zu den «Halbstarken» in der BRD um 1958 herum
In den späten 1950er Jahren sorgten in den USA und allgemein im «Westen», speziell auch in der noch kriegszerstörten, ehemals nationalsozialistischen Bundesrepublik Deutschland (und auch in der kommunistischen DDR) speziell gekleidete, «auffällige», meist männliche Jugendliche von 14 bis 24 Jahren für gehöriges Aufsehen.
Von ihren Kritikerinnen und Kritikern aus dem Bürgertum, aus den systemkonformen Wissenschaften und aus den Medien als «Halbstarke» titulierte junge Männer orientierten sich an amerikanischen kulturellen Vorbildern wie Marlon Brando (Film «The Wild One», an James Dean («Rebel without a Cause») oder an Rock-n-Roll Konzerten mit Bill Haley & the Comets, Elvis Presley aus Memphis und dessen Hüftschwung, rosa Hemden sowie der «Elvis-Tolle», Chuck Berry, Little Richard oder Jerry Lee Lewis. Sie imitierten Gebärden, Mimik, Gestik ihrer Idole aus den USA.
Die neue Musik galt den gestrengen deutschen Gesetzeshütern der konservativen Adenauerjahre als «sittengefährdend», «sexualisiert». James Dean, der früh bei einem Autounfall ums Leben kam, galt ihnen als gewalttätiger Herumtreiber, nicht fleissig und diszipliniert genug, wies es das beginnende «Wirtschaftswunder» ihrer Ansicht nach erforderte.
Marlon Brando trug im erwähnten Film eine schwarze Lederjacke, so auch die «Halbstarken», die sich lieber «Blatern» oder «Cliquen» nannten, gerne an Ecken herumlungerten, dort Passantinnen und Passanten verbal belästigten, junge Frauen anmachten, den Verkehr behinderten, laut hupten, sich waghalsige Moped- und Töffduelle lieferten, an Konzerte gingen, Parties machten, die Lehre und die Schule schwänzten, sich mit Polizisten anlegten, aber auch kleinere Diebstähle begingen, randalierten, sich in Vandalismus übten, Antennen abzwickten, Schaufenster einschlugen.
Halbstarke in den Wirtshäusern
Wenn sie gut bei Kasse waren, verkehren «Halbstarke» auch in Wirtshäusern. Der Soziologe Günther Kaiser hat in seiner zeitgenössischen Studie nach eigener Beobachtung und nach Polizeiberichten dazu geschrieben:
«Auch in den Gaststätten benehmen sie sich auffällig, indem sie (weiblichen) Gästen gegen deren Willen die Gläser austrinken oder deren Getränke vom Tisch nehmen und in die Wandlampe giessen. Sie verlangen lärmend nach Bier, prosten sich laut zu, werfen Stühle um, reissen die Blüten der Blumenstauden ab oder zerschlagen gar die Einrichtungsgegenstände.»
Die Hysterie war aber kaum berechtigt, denn die «Halbstarken» waren eine klare Minderheit innerhalb ihrer ansonsten konformen Altersgruppe, die gerne Sport trieb und besah, Vico Torriani hörte, las und Handarbeiten nachkam. Sie waren auch, dies zeigen etwa Umfragen von Meinungsforschungsbüros wie ENID, kaum politisiert, wenn, dann eher rechts.
Sie waren noch unter Hitler sozialisiert worden, sehnten sich nach einem starken «Führer», manche verachteten Parlamentarismus und Demokratie. Zudem waren sie wie ihre Eltern stark konsumorientiert, legten sie doch viel Geld aus für Kleidung, Cowboystiefel oder Jeanshosen. Deshalb kamen auch verhältnismässig viele «Halbstarke» aus der Mittel-, ja sogar Oberschicht.
Bund und Länder reagierten teilweise mit scharfen Gesetzen gegen die «Gefahr» der Jugendlichen, die doch die Zukunft des Landes sein sollten. Sie befürchteten eine kommunistische Unterwanderung und eine Schwächung des Wehrwillens, wollten bei aller Westbindung (NATO-Beitritt 1955) auch den Einfluss der amerikanischen Massenkultur eindämmen.
So kam es zu einer Verbotswelle. Jugendliche durften nicht mehr rauchen, trinken, sich an verschiedene Stellen nicht mehr in Gruppen aufhalten, nicht provozieren. Die Polizei schritt oftmals mit Schlagstöcken ein, verhaftete, die Lage eskalierte in den so genannten «Halbstarken-Krawallen» wie in Berlin, Hamburg oder in Hannover auch nach Konzerten.
Wie die «Halbstarken» quasi aus dem Nichts gekommen waren, so verschwanden sie noch vor 1960 wieder von der medialen und gesellschaftlichen Bildfläche.
Lesetipps
Kurme, Sebastian. Halbstarke. Jugendprotest in den 1950er Jahren in Deutschland und in den USA. Frankfurt und New York: Campus Verlag 2006.
Poiger, Uta G. Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany. Berkeley, Los Angeles und London 2000.
Kaiser, Günther. Randalierende Jugend. Eine soziologische und kriminologische Studie über die sogenannten «Halbstarken». Heidelberg 1959.
Dr. phil. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller
- Von den Roaring Twenties zu den Swinging Sixties
- Happy Hour: Amerikanischer Lifestyle in den Alpen
- 15-Cent-Hamburger: Die Anfangsjahre von McDonald's
Dossiers: Geschichte | Nachtleben
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